Wie schön ist ein Chor ...

aus: Die Eleganz des Igels von Muriel Barbery, 2008
Kapitel: Tagebuch über die Bewegung der Welt Nr.4


Gestern Nachmittag sang der Schülerchor. In meinem schicken Pariser Collège gibt es einen Chor; niemand findet das überholt, alle reißen sich darum mitzumachen, aber er ist superexklusiv: Monsieur Trianon, der Musiklehrer, wählt die Sänger sorgfältig aus. Der Grund für den Erfolg des Chores ist Monsieur Trianon selbst. Er ist jung [...] und er übt sowohl alte Jazzstandards ein wie auch die letzten Hits, immer erstklassig orchestriert. Alle werfen sich in Schale und der Chor singt vor den Schülern des Collège. Nur die Eltern der Sänger werden eingeladen, weil es sonst zu viele Leute wären. Die Turnhalle ist auch so schon gerammelt voll, und es herrscht eine Bombenstimmung.
Gestern trabten wir also Richtung Turnhalle. Alle haben mehr schlecht als recht Platz genommen, ich musste von vorne, von hinten, von der Seite und von oben (von der Tribüne) schwachsinnige Unterhaltungen in stereo über mich ergehen lassen (Handy, Mode, Handy, wer geht mit wem, Handy, die Nieten von Lehrern, Handy, der Abend bei Cannelle), und dann sind unter den begeisterten Zurufen die Sänger hereingekommen, in Weiß und Rot, mit Fliege die Jungen, im langen Trägerkleid die Mädchen. Monsieur Trianon hat sich mit dem Rücken zum Publikum auf einen Hocker gesetzt, einen Taktstock mit einem roten Blinklicht auf der Spitze gehoben, es wurde still und die Darbietung begann.

Es ist jedes Mal ein Wunder. All die Leute, all die Sorgen, all der Hass und all die Wünsche, all die Missgeschicke, dieses ganze Schuljahr mit seinen Vulgaritäten, mit seinen kleinen und großen Ereignissen, seinen Lehrern, seiner zusammengewürfelten Schülerschar, dieses ganze Leben, durch das wir uns schleppen, dieses Leben aus Schreien und Tränen, aus Lachen, aus Kämpfen, aus Trennungen, aus enttäuschten Hoffnungen und unverhofften Zufällen: Das alles verschwindet plötzlich, wenn der Chor zu singen beginnt. Der Lauf des Lebens geht im Gesang unter, auf einmal entsteht ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, von tiefer Solidarität, sogar von Liebe, und die Hässlichkeit des Alltags löst sich in dieser vollkommenen Übereinstimmung auf. Sogar die Gesichter der Sänger sind verklärt; ich sehe nicht mehr Achille Grand-Fernet (der eine sehr schöne Tenorstimme hat), nicht mehr Déborah Lameur oder Ségolène Rachet oder Charles Saint-Sauveur. Ich sehe nur noch Menschen, die sich dem Gesang ganz hingeben. 
Es ist jedes Mal dasselbe, ich habe Lust zu weinen, meine Kehle ist wie zugeschnürt, und ich tue mein möglichstes, um mich zu beherrschen, aber manchmal ist es fast zuviel: Ich muss mich zusammennehmen, um nicht loszuschluchzen.

Und wenn ein Kanon kommt, sehe ich zu Boden, weil es zuviel auf einmal ist: zu überwältigend, zu schön, zu solidarisch, zu wundervoll, zu sehr verbindend. Ich bin nicht mehr ich selbst, ich bin ein Teil eines erhabenen Ganzen, zu dem auch die anderen gehören, und ich frage mich in diesem Moment immer, warum das nicht die Regel, der Alltag ist, sondern nur ein außergewöhnlicher Moment während eines Chorauftritts.

Wenn der Chor zu singen aufhört, applaudieren alle wie wild, mit leuchtenden Gesichtern, und die Sänger strahlen. Es ist wunderschön.
Ich frage mich schließlich, ob die wahre Bewegung der Welt nicht der Gesang ist.