Donnerstag 21. Juni 2018 11:20 Alter: 153 Tag/e

Zeitzeugin im Geschichtsunterricht

Die Zeitzeugin Christa Boscheinen hat den Leistungskurs Geschichte von Frau Imhof besucht. Durch einen spannenden Vortrag der Zeitzeugin und die Beantwortung vorbereiteter Fragen konnten die Geschichtsschüler direkt in die Zeit Deutschlands nach 1945 abtauchen und Geschichte hautnah erleben.

Zeitzeugengespräch im Geschichtskurs

Philine und Milica berichten:

Am 11.06.2018 war Christa Boscheinen zu Gast in unserem Geschichtsunterricht. Die Zeitzeugin hatte nicht nur viele Informationen zum Thema „Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkrieges“, sondern durch ihre sehr offene Art ermöglichte sie uns die Zeit noch besser zu verstehen.

Die 79 jährige wurde 1939 in Danzig geboren. Somit erlebte sie den Zweiten Weltkrieg im Kindesalter. Obwohl ihre Familie mehrere Möglichkeiten hatte zu fliehen, entschieden sie sich zunächst in Danzig zu bleiben, da die Kinder Angst vor der Schifffahrt auf der bekannten Wilhelm Gustloff bekamen. Dies erwies sich als die wohl beste Entscheidung, denn die Wilhelm Gustloff wurde durch ein sowjetisches U-Boot versenkt und ca. 9000 Menschen starben. In Danzig hätte die Familie jedoch anfangen müssen polnisch zu lernen. Dies wollte Christas Mutter nicht und entschied mit ihren Kindern in den Westen zu fliehen. Durch das Einziehen der Männer in den Krieg bekamen die Frauen also die Aufgabe der Versorgerin und Beschützerin.

Die Zugfahrt, in der 40-50 Personen in einem Waggon Richtung Westen verbrachten, gestaltete sich als äußerst schmerzhaft und einprägend. Eine große Anzahl von Frauen und Mädchen wurden während der Fahrt vergewaltigt. Die Soldaten aus Russland schauten bei Kontrollen in die Waggons, um entweder die Güter der Familien zu entwenden, oder die Menschen brutal zu missbrauchen. Es wurde keine Rücksicht dabei genommen, ob diese Menschen noch Kinder waren. Christa war allerdings zu diesem Zeitraum schwer krank. Damit der Waggon geschützt wurde, hatte man sie nach vorne gesetzt, sodass, wenn die Soldaten die Tür öffneten, das kranke Mädchen sahen. Dadurch haben die Soldaten den Wagen verschont. Jedoch gab es laut Christa auch schöne Momente, in denen sie zum Beispiel von Soldaten ein Stück Schokolade bekommen hatte oder ein Schmalzbrot mit ihrem Bruder teilte.

Obwohl die Hilfsbereitschaft und der Zusammenhalt zwischen den Flüchtlingen deutlich wurde, gab es auch schwierige Zeiten. Wie alle anderen wurden auch Mütter durch den Überlebenskampf egoistisch, da sie ihre Kinder versorgen wollten. Es setzte ein Wettkampf um Lebensmittel ein, der mit den Ellenbogen durchgesetzt wurde. Die Mutter von Christa gilt für sie als ein Vorbild und gab ihr damals viel Halt. Bis die Familie jedoch in ein Lager kam, mussten sie Wochen in dem Zug verbringen. Im Lager Friedland angekommen, erkannte Christa erstmals, wie ungewollt die Flüchtlinge waren. Sie selbst fühlte sich von den Einheimischen benachteiligt und verurteilt. Die Familie zog dann nach Hamburg in der Hoffnung, dass sich alles bessern würde. Es zeigten sich aber die nächsten Probleme. Die Wohnungssuche dauerte lange an und die Integration in den Klassenverband erwies sich als äußerst kompliziert. Ständig galt man als „fremd“ und nicht erwünscht.

Mittlerweile wohnt Christa seit einigen Jahren mit ihrem Mann in Hannover. Es ist für sie ihre „Heimat“ und sie hat hier Wurzeln schlagen können. Durch den Eintritt in einen Kegelverein knüpfte sie immer mehr soziale Kontakte und fühlt sich inzwischen wohl. Trotzdem denkt sie häufig an ihren Geburtsort zurück und besuchte diesen vor einigen Jahren. Christa berichtete von einem sehr vertrauten Gefühl und sie schien sich an immer mehr Dinge aus ihrer Kindheit in Danzig zu erinnern.

Insgesamt waren wir als Kurs sehr beeindruckt, wie offen Christa uns ihre Geschichte offenbarte. Sie beantwortete all unsere Fragen und half uns somit, uns besser in ihre Lange und diesen Zeitabschnitt allgemein hineinversetzen zu können.
„Kümmert euch um eure Welt. Informiert euch, hört zu und gestaltet die Welt mit, ihr könnt das. Das was ich erlebt habe, darf nie wieder passieren.“ Dieses Fazit gab uns Christa mit auf den Weg.

Insgesamt war der Besuch von Christa eine tolle Konkretion zu unserer Arbeit mit Quellen und eine hervorragende Vorbereitung für unser anstehendes Abitur.

Von Philine und Milica, Jahrgang 11