Mittwoch 19. September 2018 08:57 Alter: 27 Tag/e

"Mein Sommer in der Ermöglichungsakademie" - Bericht über die Teilnahme an der Deutschen SchülerAkademie

(c) Fotos: DSA

Die Schillerschülerin Marie (Jg. 12) hat während der Sommerferien an einer der jährlich stattfindenden Akademien der „Deutschen SchülerAkademie“ teilgenommen. Hier berichtet sie von ihren Eindrücken, Erfahrungen und Erkenntnissen der zwei Wochen in Waldenburg. Viel Freude beim „Mitreisen“!

Noch am Anreisetag der Akademie empfing uns Hartmut Rosa, Professor für Soziologie und einer unser drei Akademieleiter*innen, mit einer Metapher, die uns die gesamte Akademie begleiten sollte: Für uns sei die Akademie ab jetzt ein Raumschiff, unser Internatsgebäude der Europäischen Schule in Waldenburg ein abgeschlossener Raum, abseits der Gesellschaft. Für zweieinhalb Wochen abheben – nicht, um herablassend auf die Welt da draußen runterzuschauen, sondern um eine neue, andere Perspektive zu gewinnen. Das klang nach einem gutgemeinten Plan, den sich so einige Institutionen vornehmen, doch niemand von den Teilnehmer*innen konnte sich vorstellen, wie das in dieser Akademie umgesetzt werden würde, niemand konnte erahnen, was für eine Atmosphäre möglich und nötig ist, um sich voll und ganz diesem Perspektivwechsel hinzugeben.

Wir, die ca. 90 Schüler*innen aus der gesamten Bundesrepublik und aus deutschen Schulen weltweit, hatten uns mit der Bewerbung für eine der insgesamt 10 über den Sommer verteilten Akademien für einen bestimmten Kurs angemeldet. In der Akademie Waldenburg allein reichte das Angebot von Thermodynamik über Wissenschaftsphilosophie oder Musikjournalismus bis zu Stadtgeographie, was das Thema meines Kurses war. Jeweils zwei Kursleiter*innen, die meisten von ihnen Student*innen oder Dozent*innen, haben viel thematischen Input vorbereitet, den die Teilnehmer*innen mit im Vorhinein erstellten Präsentationen ergänzt haben, sodass wir uns die Inhalte mit sehr vielfältigen Methoden erarbeiten konnten. Gleichzeitig haben unsere Kursleiter*innen je nach Interesse im Kurs auch spontan Themen vertieft oder sich selbst zurück genommen, um uns Raum und Zeit zu geben für Diskussionen; Raum und Zeit für das, was uns wichtig ist, uns begeistert und berührt, für alles, was wir schon immer mal besprechen oder unternehmen wollten – das ist auch das, wofür die gesamte Deutsche SchülerAkademie steht und der Grund, warum Hartmut Rosa sie als „Ermöglichungsakademie“ beschreibt. Denn neben den Kursen gab es zu jeder Tages- und vor allem Nachtzeit die kursübergreifenden Angebote: Zum einen die kursübergreifende Musik mit der Musikverantwortlichen der Akademie, die den Chor und andere Ensembles geleitet hat und für die Koordination zuständig war: Sie hat uns Noten zur Verfügung gestellt hat, Sätze bis in die Nacht umgeschrieben, Dirigierkurse gegeben oder den Bandraum aufgeschlossen. Denn sie war diejenige, die uns den musikalischen Freiraum ermöglicht hat, Voraussetzungen geschaffen, damit wir Teilnehmer*innen uns zusammenfinden und proben können. Auf diese Weise haben auch wir selbst uns gegenseitig musikalische Zeit auf der Akademie ermöglicht. Genauso wie für die Musik stand uns dieser Ermöglichungsraum bei allen kursübergreifenden Aktivitäten, die wir selbst angeboten haben, offen: Landesvorstellungen von unseren internationalen Teilnehmer*innen, z. B. aus Kolumbien, Ägypten oder der Türkei, Sprachen wie Italienisch, Arabisch, Esperanto oder Althebräisch, Volleyball, palästinensische Tänze und Ballett, ein Soziologie-Vortrag von Hartmut Rosa, Glückskekse backen, Sudokus, Tandem-Schach, LGBTQ*-Diskussionsrunden, Raketen bauen, kreatives oder reflektiertes Schreiben, Jonglieren, Ultimate-Frisbee, Lagerfeuer, Sonne-, Mond- und Sternegucken mit verschiedenen Teleskopen…

Daran teilzunehmen und das mitzugestalten war für mich aus zwei Gründen einzigartig und überwältigend: Das Erste ist die große Heterogenität unter den Teilnehmer*innen, die mich beeindruckt hat: Kontakt mit Menschen aus der ganzen Bundesrepublik, mit verschiedenen Dialekten und Schulsystemen und mit Menschen aus der ganzen Welt, deren Lebensrealitäten nochmal weiter von meiner eigenen entfernt sind, aber auch die Begegnung mit Menschen unterschiedlichster politischer oder religiöser Hintergründe, unterschiedlichster Begabungen und Kompetenzen.

Das Zweite ist meiner Meinung nach der Schlüssel zu dieser Vielfalt, zu diesem Potential in jedem von uns, den ich auf der Akademie als eine vielseitige und tiefgehende Begeisterungsfähigkeit aller Teilnehmer*innen erlebt habe. Hartmut Rosa würde sie „Resonanzfähigkeit“ nennen: die Fähigkeit, sich auf Themen, Dinge, Menschen einzulassen, sie ernst zu nehmen und sie möglicherweise auch zu ihrer*seiner eigenen Sache zu machen und weiterzuentwickeln. Jede*r gönnt jeder*jedem nicht nur, eine Aktivität anzubieten oder daran teilzunehmen, mit jemandem Fremden Standard zu tanzen, nachts auf dem Sportplatz über Gottesvorstellungen zu reden, auf einer Weichbodenmatte unter dem Sternenhimmel zu schlafen, die Tage und Nächte mit Energie zu füllen, von der man irgendwann nicht mehr weiß, woher man sie bei all dem Schlafmangel bekommen kann – nein: Auf der gesamten Akademie haben wir uns gegenseitig eine geschützte Zone ermöglicht, einen angstfreien Raum, in dem jede*r auf ihre*seine Weise die Akademie mitgestalten und erleben durfte; jede*r eine andere Akademie, je nach geführten Gesprächen und wahrgenommenen Aktivitäten, aber jede*r eine Akademie in dem gleichen geschützten Raumschiff, das ihre*seine Perspektive auf das Leben und die Gesellschaft verändert hat.

Marie, Jahrgang 12

(c) Fotos: DSA