Geschichtsunterricht in der gymnasialen Oberstufe

Geschichtsunterricht in der Qualifizierungsphase verfolgt nicht das Ziel, lückenlos historisches Wissen durch erneute chronologische Bearbeitung aller Epochen bereitzustellen, sondern Kenntnisse zu vermitteln und Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln, die zur selbstständigen Auseinandersetzung mit (historischen) Problemen notwendig sind. Dieses erfolgt in Vorbereitung universitärer Arbeitsformen anhand ausgewählter Problembereiche, in denen die Schülerinnen und Schüler fundierte Kenntnisse erlangen und zu „Experten“ werden.

Die Schwerpunkte der Arbeit liegen im methodischen Bereich, selbstständiger Informationsbeschaffung, Quellenanalysen und eigenständigen Bewertungen; Projektarbeit und Darstellung der Ergebnisse haben dabei besondere Bedeutung. Oberstufen-Geschichtskurse sind damit für alle diejenigen geeignet, die Kenntnisse erwerben wollen, die über den geisteswissenschaftlichen Bereich hinausgehen beispielsweise zu Journalismus, Werbung, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Die sichere Beherrschung der deutschen Sprache ist wichtig, da in der Abiturprüfung wie in allen Klausuren bei vermehrten Verstößen gegen die Sprachrichtigkeit ein oder zwei Punkte von der Gesamtnote abzuziehen sind.

Geschichte wird in der Oberstufe auch auf Englisch unterrichtet und kann dann als mündliches Prüfungsfach (P 5) mit einer englischsprachigen Abiturprüfung abgeschlossen werden. Die folgenden Ausführungen gelten sinngemäß auch für diesen bilingualen Geschichtsunterricht.

Jahrgänge 11 und 12:

Seit dem Inkrafttreten des Kerncurriculums am 1.8.2011 wird jedem Kurshalbjahr der Qualifikationsphase ein Rahmenthema zugeordnet. Diese vier Rahmenthemen, die auch in der Reihenfolge verbindlich für die vier Schulhalbjahre sind, ermöglichen es den Schülerinnen und Schülern, ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein aufzubauen und sie in unterschiedlichen Kompetenzbereichen intensiv zu schulen.

Innerhalb der vier Rahmenthemen erfolgt die Erschließung mithilfe von Modulen: einem stärker theoretisch angelegten Kernmodul sowie exemplarisch ausgewählten Wahlmodulen. Die inhaltliche Behandlung eines Rahmenthemas ergibt sich aus dem verbindlichen jeweiligen Kernmodul und zwei Wahlmodulen im ersten bis dritten Schulhalbjahr bzw. dem Kernmodul und einem Wahlmodul im vierten Schulhalbjahr. Für das Abiturprüfungsfach Geschichte auf grundlegendem und erhöhtem Anforderungsniveau wird vom Kultusministerium für jedes der ersten drei Schulhalbjahre eines der Wahlmodule für die schriftliche Abiturprüfung zum Pflichtmodul erklärt; das weitere Wahlmodul wird von der Fachkonferenz festgelegt. In Verbindung damit werden für die schriftliche Abiturprüfung Aspekte des jeweiligen Kernmoduls konkretisiert. Auch für das vierte Schulhalbjahr kann eine weitere Vorgabe für die schriftliche Abiturprüfung vorgenommen werden. Im Übrigen bietet das vierte Schulhalbjahr Möglichkeiten zur vertiefenden und wiederholenden Anknüpfung an die drei vorausgehenden Schulhalbjahre.

Rahmenthemen der Schulhalbjahre 11/1 - 12/2:

11/1: Rahmenthema 1 „Krisen, Umbrüche und Revolutionen“ nimmt exemplarisch Formen des beschleunigten Wandels in den Blick. Die Fokussierung auf beschleunigte Veränderungsprozesse bietet vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten an das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler und ihre Interessen; es stellt zudem eine geeignete Basis für die Rahmenthemen der folgenden Schulhalbjahre dar.

Kernmodul: Theorien und Modelle zu Umbruchsituationen

Mögliche Wahlmodule:

  1. Krise(n) der römischen Republik seit dem 2. Jahrhundert v. Chr.
  2. Die Krise des späten Mittelalters im 14./15. Jahrhundert
  3. „American Revolution“ – Geburt eines modernen Staates
  4. Die Französische Revolution
  5. Die russischen Revolutionen von 1917
  6. Die Weltwirtschaft in der Krise
  7. Krise und Umbruch in Osteuropa Ende des 20. Jahrhunderts
  8. Mauerfall und „Wende“ in der DDR 1989

 

11/2: Rahmenthema 2 „Wechselwirkungen und Anpassungsprozesse in der Geschichte“ widmet sich längerfristigen Transformationsprozessen und Kontinuitäten. Es legt den Schwerpunkt u. a. auf solche Veränderungsprozesse, die sich durch das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen und Zivilisationen ergeben. Dieses Rahmenthema eignet sich besonders, um Alteritätserfahrungen zu ermöglichen und den Beitrag des Faches Geschichte zur interkulturellen Bildung zu gewährleisten.

Kernmodul: Konzepte und Theorien zu Transformationsprozessen

Mögliche Wahlmodule:

  1. Hellenismus
  2. Romanisierung in der Kaiserzeit
  3. Die „Völkerwanderung“
  4. Pilgerfahrten und Kreuzzüge
  5. Spanischer Kolonialismus
  6. Urbanisierung im 19. Jahrhundert
  7. China und die imperialistischen Mächte
  8. Flucht, Vertreibung und Umsiedlung im Umfeld des Zweiten Weltkriegs

 

12/1: Rahmenthema 3 „Wurzeln unserer Identität“ greift schwerpunktmäßig fachdidaktische Überlegungen auf, wonach der Geschichtsunterricht den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zur Reflexion der historischen Dimension ihrer eigenen Identität(en) zu bieten habe. Es ermöglicht den Schülerinnen und Schülern, sich der Verankerung ihrer Identität(en) in historischen Kontexten bewusst zu werden. So wird zudem ein Beitrag zur Toleranz in der pluralen Gesellschaft geleistet und die Reflexion einer deutschen wie auch einer europäischen Identität gefördert.

Kernmodul: Die Frage nach der deutschen Identität

Mögliche Wahlmodule:

  1. Nationalstaatsbildung im Vergleich
  2. Die Gesellschaft des Kaiserreichs
  3. Das deutsch-französische Verhältnis im 19. und 20. Jahrhundert
  4. Die Stellung von Frauen und Männern im 20. Jahrhundert
  5. Die Weimarer Republik und ihre Bürger
  6. Nationalsozialismus und deutsches Selbstverständnis
  7. Deutsches Selbstverständnis nach 1945
  8. Heimat und Fremde – Migrationsprozesse in Europa

 

12/2: Vielfältige Rückgriffsmöglichkeiten auf die Rahmenthemen der vorausgehenden Schulhalbjahre bietet Rahmenthema 4 „Geschichts- und Erinnerungskultur“. Auf der Grundlage der in den ersten drei Schulhalbjahren erworbenen historischen Kompetenzen ist es den Schülerinnen und Schülern möglich, sich vertieft und differenziert mit Formen und Funktionsweisen des alltagsweltlichen Umgangs mit Geschichte und Erinnerungskulturen auseinanderzusetzen. Es bietet ihnen die Möglichkeit, in der Auseinandersetzung mit individueller, kollektiver und kultureller Erinnerung ihre Fertigkeiten zur De- und Rekonstruktion von Geschichte anzuwenden und zu optimieren und so ihr Geschichtsbewusstsein weiterzuentwickeln.

Kernmodul: Geschichts- und Erinnerungskultur

Mögliche Wahlmodule:

  1. Mythen
  2. Nationale Gedenk- und Feiertage in verschiedenen Ländern
  3. Rezeption des Mittelalters
  4. Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus
  5. Begegnung mit Geschichte im Film und in den Neuen Medien
  6. Begegnung mit der Geschichte in der Kultur

 

Die Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer der Schillerschule